Vor 2 Stunden

Schon früh aggressiv: Wer war der CSD-Täter Abdul Ballout?

Als Schüler schon voller Gewalt und Konflikte, als junger Mann ein entschlossener Islamist. Die sicheren Fakten zeigen einen zerrissenen Charakter, der sich vor allem im Internet radikalisierte.

Was ist über Abdul Ballout bekannt, der am vergangenen Samstag zum Ende des "Christopher Street Days" (CSD) im Berliner Tiergarten mit einem Mietauto in eine Menschenmenge fuhr, eine Frau tötete und 31 weitere Menschen zum Teil schwer verletzte?

Normalerweise überschlagen sich nach einem solch schrecklichen Ereignis die Nachrichten über den Täter. Aber längst nicht alle Behauptungen halten einer kritischen Überprüfung stand.

Gewalt in der Schule, Konflikte im Elternhaus

Fest steht in diesem Fall: Abdul Ballout wurde 2005 in Berlin geboren, Mutter und Vater stammen aus dem Libanon, leben aber schon lange getrennt voneinander. Nach Recherchen der "Berliner Morgenpost" war der junge Abdul schon als Grundschüler auffällig. Er habe wiederholt ein aggressives Verhalten gezeigt, berichtet die Zeitung, und musste zweimal die Grundschule wechseln. Die Eltern, heißt es weiter, hätten mit den Schulbehörden nicht kooperiert, um Abhilfe zu schaffen.

Anfangs habe Ballout noch recht gute Noten gehabt, später aber nicht mehr. Auch nicht, als er auf eine weiterführende Schule mit speziellen Förderungen ging. Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung schrieb der "Berliner Morgenpost" auf Anfrage über Ballout: "Demnach wurde die betreffende Person im Berliner Schulsystem beschult, es wurden früh Unterstützungs- und Förderbedarfe festgestellt, und sie verließ die Schule ohne Schulabschluss."

Erste Verurteilung mit 17 Jahren

Bei der Polizei war Ballout demnach bereits 2019, mit gerade einmal 14 Jahren, wegen Körperverletzung, Raub und Beleidigungen aufgefallen. Er raubt einem Mitschüler einen teuren Kopfhörer, er schlägt auf dem Schulhof zu. 2022 wird er von einem Jugendgericht deswegen verurteilt und kommt mit einem strengen Verweis davon. Und muss 40 Sozialstunden leisten.

Bereits um das Jahr 2021 herum, da war Abdul Ballout 16 Jahre alt, begann seine islamistische Radikalisierung. Dazu mag auch beigetragen haben, dass es offenbar Konflikte innerhalb der Familie gab. Die Mutter wird in mehreren Medien als muslimisch-religiös beschrieben, der Vater nicht. Im Umfeld der Familie soll es Menschen gegeben haben, die sich offen zu ihre Homosexualität bekannten. War Ballout zerrissen zwischen diesen stark divergierenden Lebensentwürfen? Auf jeden Fall soll er sich vor allem im Internet auf islamistischen Seiten radikalisiert haben. Zwischen 2023 und 2024 ist er dann kurz verheiratet - streng nach islamischem Recht. Die Ehe scheitert.

Radikalisierung, ohne das wirklich zu merken

Der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick ist ein Experte für Konflikt- und Gewaltforschung und sagt der DW: "Bemerkenswert ist, was diese späteren Terroristen nicht merken: Wie sie mehr und mehr unter Kontrolle geraten, abhängig werden von sehr einfachen ideologischen Ansichten." Und weiter: "Sie geraten immer mehr unter Einfluss und distanzieren sich von ihrem eigentlichen Leben und geraten in eine Parallelwelt." Im Berliner Bezirk Neukölln soll sich Abdul Ballout islamistischen Kreisen angeschlossen haben. Er gehörte wohl einer Gruppe an, die sich um die Anwerbung weiterer Mitglieder kümmerte.

Die Berliner Anwältin Seyram Ateş, Mitbegründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in der deutschen Hauptstadt, berichtet der DW, sie kenne viele, auch strenge Muslime, in deren Familien Homosexualität gelebt werde. Werden dann in den Familien vor allem junge Leute radikalisiert, geraten sie in immer größeren Zugzwang, dagegen vorzugehen. Seyram Ateş: "Bei den Islamisten herrscht ja nicht nur die Überzeugung, dass sie selbst die besten Muslime sein müssen, um ins Paradies zu kommen. Sondern dass sie dafür Sorge tragen müssen, dass in ihrer Umgebung alle einen guten Islam leben, die besten Muslime sein müssen."

Rund 2600 Islamisten in Berlin

Die Berliner Innensenatorin Ines Spranger (SPD) sagte in einer Sitzung des zuständigen Ausschusses des Abgeordnetenhauses, des Berliner Landesparlaments, es gebe laut Verfassungsschutz 2590 Islamiten in der deutschen Hauptstadt. Zum Attentat am vergangenen Wochenende sagte Spranger: "Es gibt weiterhin eine hohe Gefährdungslage im Bereich des islamischen Terrorismus. Wir wissen alle, dass wir solche Ereignisse nicht mit absoluter Sicherheit verhindern können."

Im vergangenen Jahr machte Ballout dann konkrete Versuche, sich den Islamisten des "Islamischen Staats" (IS) in Syrien anzuschließen. Nachdem sein Versuch, nach Mauretanien zu reisen, bereits zuvor gescheitert war, gelangte er über die Türkei in den Libanon, wurde dort aber festgenommen und landete für einige Monate im Gefängnis. Der Grund: Seine Absicht, sich dem IS anzuschließen. Im November 2025 wurde er dann wieder nach Deutschland abgeschoben und gleich bei seiner Ankunft festgenommen.

Urteil im Mai und Entlassung aus der Untersuchungshaft

Die Berliner Staatsanwaltschaft klagte ihn wegen der "Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat" an, ein Berliner Gericht verurteilte ihn Mitte Mai 2026 zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, die jedoch zur "Vorbewährung" für sechs Monate ausgesetzt wurde. Ballout kam auf freien Fuß.

Wie die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel nach der Terrortat berichtete, hätten die Berliner Ermittler Ballout auch nach seiner Freilassung aus der Untersuchungshaft als "Hochrisikofall" eingestuft. Er sei observiert und mit einer Kamera überwacht worden, die Beamtem hätten auch sein Telefon abgehört. Meisel: "Wir haben nichts, aber auch gar nichts gefunden, was uns zu einer Prognose geführt hätte, die zu einer Fußfessel oder Präventivhaft geführt hätte."

Tod des Attentäters beim Versuch der Festnahme

Meisel warnte auch davor, von einer intensiven Observation zu viel zu erwarten: "Selbst wenn man jemanden ganz eng begleitet: Wenn der in einen Bus steigt, ist das Landeskriminalamt im Auto dahinter und könnte eine Tat im Bus nicht verhindern. Das ist also kein Allheilmittel." Die Behörden hätten Ballouts deutschen Pass eingezogen, ihm die Ausreise untersagt und öfters mit ihm gesprochen. Er habe sich aber zumeist in der Wohnung aufgehalten, deswegen sei die Überwachung reduziert worden, so die Polizeipräsidentin.

Ziemlich sicher ist mittlerweile wohl auch, dass Ballout allein handelte. Eine Sprecherin von Generalbundesanwalt Jens Rommel, der wie in vergleichbaren Fällen von Staatsgefährdung die Ermittlungen übernahm, sagte, im völlig demolierten Tatfahrzeug seien nur DNA-Spuren von Ballout gesichert worden.

Der 21 Jahre alte junge Mann wurde am vergangenen Sonntag von der Polizei in einer Kleingartenanlage im Berliner Westen erschossen, als er beim Versuch, ihn festzunehmen, mit einem Messer auf die Beamten losging.