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Nach CSD-Anschlag: Was deutsche Muslime zur Tat sagen

Die deutsche Politik ist nach dem Terror gegen den Berliner CSD alarmiert und fürchtet weitere Anschläge von Islamisten. Wie schauen muslimische Repräsentanten auf die Debatte?

Der Terroranschlag, der am späten Samstagabend den CSD in Berlin traf, verschärft die Ängste und Sorgen vor weiteren Attacken von Islamisten. Bis zum Sonntagabend, als Sicherheitskräfte den 21-jährigen Abdul B. stellten und er durch Schüsse getötet wurde, sprachen die meisten Medien und die verantwortlichen Politiker von einem "mutmaßlichen Täter" und "mutmaßlichen Motiven".

Seitdem ist klar: Erneut verübte ein Islamist ein solches Verbrechen, ein radikalisierter Muslim mit Bezug zum sogenannten "Islamischen Staat". Politik und Sicherheitskräfte debattieren Gesetzesverschärfungen und eine stärkere Überwachung. Politisch zuständig ist Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Wie reagieren Muslime in Deutschland auf die Tat?

"Mit Entsetzen und Bestürzung haben wir die Nachricht des gestrigen menschenfeindlichen Anschlags auf den CSD vernommen", erklärt der "Rat Berliner Imame" gut zwölf Stunden nach der Tat auf verschiedenen Kanälen. Er betont seine Verbundenheit zu den Opfern, Angehörigen und Hinterbliebenen, dankt den Einsatzkräften. "Diese Tat, die wir auf das schärfste verurteilen, zeigt, zu welch schrecklichen Folgen Hass und Menschenfeindlichkeit führen. Hass führt zu nichts Gutem." Kein Wort zur Prägung des Täters.

"Religiös begründeter Extremismus ist eine reale Gefahr"

Gleichzeitig äußern sich viele Nutzer in den sozialen Medien deutlicher. Die Stimmung kocht. Zwei Tage später, als der islamistische Kontext gesichert ist, veröffentlicht der Rat der Imame einen weiteren Text, ausführlicher. Der Terroranschlag zeige erneut, "dass religiös begründeter Extremismus … eine reale Gefahr für unsere Gesellschaft" darstelle.

"Als Imame können wir nicht oft genug betonen: Terror, Hass und Gewalt besitzen keinerlei religiöse Legitimation. Wer die Religion des Islams benutzt, um Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer Identität, ihrer Überzeugungen oder ihrer Lebensweise auszuüben oder gar zu töten, handelt nicht im Einklang mit den ethischen Grundsätzen unserer Religion." Der Begriff "Islamismus" taucht in den 30 Zeilen nicht auf.

"Manche Muslime lehnen den Begriff 'Islamismus' ab, weil sie befürchten, bereits die sprachliche Verbindung zum Wort 'Islam' schade ihrer Religion", sagt der Soziologe und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide der DW. Der 54-Jährige ist Gründungsdekan der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Er halte diese Sorge nicht für hilfreich: "Denn wenn wir jede Verbindung zwischen Islam und Islamismus kategorisch bestreiten, erschweren wir gerade die notwendige inhaltliche Auseinandersetzung."

Schließlich, so Khorchide, argumentierten Islamisten mit islamischen Quellen. Sie beanspruchten, im Namen des Islam zu sprechen. Da genüge es nicht, zu sagen, islamistische Täter hätten "nichts mit dem Islam zu tun". Es brauche eine differenzierte Auseinandersetzung, um "islamistischen Ideologien langfristig ihre Glaubwürdigkeit zu entziehen".

"Freitagsgebet zum Thema Islamismus"

Dass es auch anders geht, zeigen die Berliner Ahmadiyya Muslime. Sie sind strenggläubige Muslime aus einer gut hundert Jahre alten Reformbewegung, die aber wegen ihrer Lehren von vielen Muslimen als nicht-islamisch abgelehnt und von Islamisten verfolgt werden. Die Ahmadiyya-Moschee-Gemeinde in Berlin-Charlottenburg lädt für die nächsten Tagen zu öffentlichen Dialogaktionen und einem "offenen Freitagsgebet zum Thema Islamismus" ein. Stimmen der offiziellen Verbände scheinen davon unterschiedlich weit entfernt. Burhan Kesici, der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, verurteilt den Angriff knapp "aufs Schärfste" und äußert Anteilnahme. Dann schließt er mit: "Muslime in Deutschland stehen für Frieden".

Ähnlich die viel längere Stellungnahme des Koordinationsrats der Muslime (KRM). Das Gremium zeigt sich "tief erschüttert" über den Anschlag. "Als muslimische Religionsgemeinschaften in Deutschland verurteilen wir jedwede Form von Gewalt, Extremismus, Terror und Menschenverachtung aufs schärfste", heißt es. Kein Wort zu Islamismus, zum Islamisten, zum jungen Muslim als Täter.

Der "Rat Berliner Imame", von denen mehrere in Berlin Neukölln arbeiten, verurteilt ausdrücklich "jegliche Gewalt gegen queere Personen oder Angehörige anderer Minderheiten in unserer Gesellschaft". Eine solche Erwähnung queerer Personen findet sich bei anderen Stimmen eher selten. Immer mal wieder wird der Rat kritisiert, einige Politiker der CDU und mehrere Experten werfen ihm Verfassungsfeindlichkeit vor. Andere widersprechen dem.

Das Internet als Moschee junger Menschen

Die aktuelle Erklärung des Rates lässt das Wissen der Imame um die Herausforderungen erkennen. Sie wüssten, "dass Radikalisierung selten plötzlich geschieht". Meist sei sie das Ergebnis eines schleichenden Prozesses, der sich häufig im Internet und in sozialen Medien vollziehe. Es gelte, junge Menschen früh zu erreichen, "ihnen Orientierung, Zugehörigkeit und Perspektiven zu geben". Diese Aufgabe könne keine Institution allein bewältigen.

Vor einigen Monaten sagte ein Imam der DW, die eigentliche Moschee vieler junger Leute sei längst das Internet.

Ähnlich wie der "Rat Berliner Imame" äußert sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Er nennt den "Christopher Street Day" als Ziel des Anschlags, verwendet nicht den Begriff "queer", sagt: "Niemand darf aufgrund seiner sexuellen Orientierung … Ziel von Gewalt werden". Zur "islamistischen" Motivation des Täters spricht der Zentralrat von einem weiteren Fall, "in dem eine extremistische Ideologie religiöse Bezüge missbraucht, um Hass und Gewalt zu rechtfertigen". Dass es eine extremistische Ideologie von Muslimen ist, wird nicht erwähnt.

Für Professor Khorchide aus Münster befinden sich viele Moscheegemeinden, Imame und muslimische Verbände "noch immer in einer apologetischen Haltung". Ihr Hauptanliegen sei oft, "den Islam gegen pauschale Vorwürfe zu verteidigen und zu betonen, dass Gewalt und Terror nichts mit dem Islam zu tun hätten". Das sei "angesichts der verbreiteten Islamfeindlichkeit" zwar nachvollziehbar, reiche aber nicht. "Wer Probleme lösen will, muss sie zunächst offen benennen."

Khorchide geht auf die auffallende Nicht-Nennung des Ereignisses "CSD" und des queeren Kontextes eines solchen Events ein. Manche Imame vermieden eine "klare Distanzierung vom Islamismus", weil sie "in einzelnen gesellschaftspolitischen Fragen - etwa beim Umgang mit sexueller Vielfalt oder Geschlechterrollen - konservative Grundüberzeugungen teilen, auch wenn sie Gewalt selbstverständlich ablehnen". Gerade deshalb brauche es den Mut zur selbstkritischen Auseinandersetzung. "Eine glaubwürdige muslimische Stimme zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie Probleme relativiert", so der Hochschullehrer.

Noch deutlicher wird der stellvertretende Vorsitzende der eher kleinen Alhambra-Gesellschaft, Eren Güvercin. Der 2017 gegründete Verein wirbt für einen pluralen Islam und wird wegen seiner tendenziell liberalen Ausrichtung von den etablierten Zusammenschlüssen kritisiert. Güvercin spricht von einer "bewussten Entscheidung" vieler, das "Tatmotiv, nämlich islamistische Queerfeindlichkeit", und das "Anschlagsziel, nämlich queere Menschen und der CSD", nicht auszusprechen. Denn das würde die Frage aufwerfen, wie denn die eigene religiöse Haltung zu queerem Leben aussehe, sagt Güvercin der DW.

Während man bei rechtsextremen Anschlägen durchaus in der Lage sei, das Tatmotiv klar zu benennen, fehle diese Haltung bei islamistischen Anschlägen völlig, kritisiert er. Es gebe keine innermuslimische selbstkritische und ernsthafte Auseinandersetzung mit Islamismus als Ideologie, auch nicht mit Queerfeindlichkeit oder Antisemitismus.

Muslimische Verbände, die Probleme nicht benennen könnten, werden nach Überzeugung Güvercins keine Orientierung geben. "Diese Orientierung finden junge Menschen bei islamistischen Influencern im Netz."