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"Gewaltepidemie" in Serbien: Tränengas, Prügel, Stiche

Noch nie gab es in Serbien so viele dokumentierte Fälle von Gewalt gegen LGBTQ+-Menschen. Die Angriffe sind Teil einer größeren gesellschaftlichen Entwicklung.

Erst überzieht ihn die Frau im Bus mit homophoben Beleidigungen. Dann schlägt sie nach Aleksandar Savic. Schließlich greift sie in ihre Tasche und sticht mit einem scharfen Gegenstand auf Savic ein. In der Notaufnahme werden die Ärzte später eine Schnittwunde in seiner Wade feststellen und Verletzungen am Auge.

Was Savic - auch bekannt als Dragqueen Alexis Plastic - am Abend des 11. Juli im Bus 35 in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens, zustößt, passiert nicht häufig - aber zu Gewalt gegen Menschen, deren Aussehen oder Aktivitäten nicht dem Mainstream entsprechen, kommt es in dem EU-Kandidatenland auf Westbalkan immer öfter. Nur wenige Stunden zuvor war der Autor und Programmdirektor des Literaturfestivals "Krokodil", Vladimir Arsenijevic, an der Branko-Brücke im Zentrum von Belgrad am helllichten Tag von rechten Hooligans attackiert worden, als er eine Gedenkveranstaltung zum Völkermord von Srebrenica vorbereitete.

Gegenüber dem Fernsehsender N1 spricht Alexis Plastic von einer "Gewaltepidemie" in Serbien. Die zunehmende Gewalt durch Hooligan-Gruppen, die dem Umfeld von Präsident Aleksandar Vucics Serbischer Fortschrittspartei (SNS) zugeordnet werden, verstärke bei vielen Menschen das Gefühl: Wer anders ist, kann zum Ziel werden. Niemand sei sicher.

"Gewalt ist zunehmend normaler geworden, während der Schutz davor alles andere als garantiert ist - vor allem für diejenigen, die soziale oder politische Probleme ansprechen, die unbeliebt in der Öffentlichkeit sind", sagt auch Matija Stefanovic von der serbischen LGBTQ+-Organisation "Da Se Zna!" (Deutsch: Das sollte bekannt sein!), die Gewalt gegenüber queeren Menschen im Land dokumentiert.

"Dadurch, dass die meisten dieser Attacken nicht weiter verfolgt werden und die Täter selten zur Verantwortung gezogen werden, können sie nicht als Einzelfälle abgetan werden", sagt Stefanovic. "Sie stellen ein systemisches Problem dar, das Gewalt weiter schürt und die Täter dazu ermutigt, weiterhin marginalisierte Menschen anzugreifen, ohne nennenswerte Konsequenzen befürchten zu müssen."

Diese Gewalt, sie trifft besonders häufig queere Menschen. In den vergangenen Jahren ist das gesellschaftliche Klima gegenüber der LGBTQ+-Gemeinschaft in Serbien deutlich rauer geworden, immer wieder wird die queere Community auch zur Zielscheibe der rechtsnationalen Regierung.

Rekordzahl an Übergriffen

In einem schlichten Büro in einer Seitenstraße im Zentrum Belgrads hat die Nichtregierungsorganisation (NGO) Da Se Zna! ihr Büro. Hier deutet kaum etwas auf ihre Arbeit hin, nur ein einsamer regenbogenfarbener Nussknacker steht im Regal. Als einzige Organisation dokumentiert Da Se Zna! systematisch Übergriffe auf queere Menschen in Serbien - Drohungen, Vandalismus, körperliche Angriffe.

"Im vergangenen Jahr haben wir 110 Fälle gezählt - so viele wie noch nie", sagt Stefanovic, der Programmkoordinator für Da Se Zna! ist. Das hängt auf der einen Seite damit zusammen, dass die NGO immer bekannter wird und immer mehr queere Menschen bereit sind, Vorfälle zu melden. Aber auf der anderen Seite auch damit, dass es wieder und wieder zu dramatischen, öffentlichkeitswirksamen Vorfällen kommt, wie dem Angriff auf Alexis Plastic.

Mitte Mai greifen Unbekannte den queeren Club "Mornar" (Deutsch: Seemann) in Belgrad mit Tränengas an. Ende Mai schlagen Unbekannte nachts eine Transfrau und ihren Partner zusammen - bis zur Bewusstlosigkeit. In Serbien haben viele queere Menschen Angst, ihre Identität offen zu zeigen. So gaben bei einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) 2025 etwa 80 Prozent der Befragten in dem Westbalkanland an, dass sie es vermeiden, in der Öffentlichkeit die Hand ihres Partners zu halten.

Im Regenbogenindex zur Situation von queeren Menschen der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) rutscht Serbien inzwischen immer weiter ab. Vor fünf Jahren lag es im europäischen Vergleich noch auf Platz 22, im aktuellen Ranking belegt es nur noch Platz 29.

Schwierige Situation in Kleinstädten

Dagegen helfe nur Aufklärung, sagt Matija Stefanovic. Neben der alljährlichen großen Pride-Parade in Belgrad, die Da Se Zna! mitorganisiert, besuchen die Aktivisten der Organisation seit vergangenem Jahr mit einer "Pride Caravan" auch Kleinstädte in Serbien. Sie wollen ein Zeichen setzen: Wir sind da - und wir bleiben es auch. Manchmal stehen eine Handvoll Demonstranten mit Regenbogenfahnen Dutzende von Gegendemonstranten gegenüber, die homophobe Slogans skandieren.

Nachdem die Organisation Anfang Juli die Orte für die diesjährige Karawane bekannt gegeben hat, gehen bei Da Se Zna! zahlreiche Morddrohungen ein. In Pirot im Südosten Serbiens sagt die Polizei die Veranstaltung Mitte Juli kurzfristig ab, weil sie angesichts von dutzenden gewaltbereiten Hooligans die Sicherheit nicht gewährleisten könne. Drei Journalisten werden von dem Mob angegriffen.

"Wir versuchen den Menschen vor Ort zu zeigen, dass wir wissen, wie hart es ist - und dass wir sie nicht vergessen haben. Gleichzeitig zeigen die Proteste die traurige Realität, wie es ist, wenn man als queere Person in einer serbischen Kleinstadt lebt", sagt Stefanovic.

Der Hass der anderen

Matija Stefanovic weiß genau, wie man sich fühlt, wenn man in einer Stadt fernab der Metropole Belgrad aufwächst - und queer ist. "Schon in meinen frühesten Erinnerungen habe ich mir gewünscht, ein Junge zu sein. Jede Nacht habe ich zu Gott gebetet, dass er mich in einen verwandelt", erzählt Stefanovic. Erst als Teenager erfährt er, dass es auch andere Menschen gibt, die sich so fühlen wie er - und dass es dafür ein Wort gibt: trans. Doch diese Gewissheit verschafft ihm keine Erleichterung: "In dem Moment, wo mir das klar geworden ist, habe ich die Last auf mir gespürt, was ich deshalb alles würde durchmachen müssen."

Erst als er zum Studium nach Belgrad zieht, fühlt er sich frei genug, immer mehr offen als Matija zu leben. Er outet sich. Erst vor einigen Professoren an der Uni. Dann vor Freunden. Schließlich schreibt er seinen Eltern einen Brief, acht Seiten lang, in dem er all das erzählt, was er jahrelang für sich behalten hat.

Matija Stefanovic trifft zwei große Entscheidungen: Er nimmt Hormone, um sein biologisches Geschlecht seiner Identität anzugleichen. Und: Er macht das alles öffentlich. Es gibt zu diesem Zeitpunkt kaum Menschen, die öffentlich trans sind in Serbien, kaum Informationen darüber, wie man dort eine Geschlechtsangleichung angeht.

"Das klingt jetzt total abgedroschen, aber: Ich wollte die Person sein, die ich gebraucht hätte, als ich selbst meine Geschlechtsidentität erkundet habe", sagt Stefanovic. Er filmt sich, stellt die Videos auf YouTube, dann TikTok. Bald folgen die ersten Interview-Anfragen fürs Fernsehen. Gleich das erste Interview landet in rechten Facebook-Gruppen. Der Hass, der ihm entgegenschlägt, fühlt sich die erste Zeit kaum ertragbar an. Und doch entscheidet sich Stefanovic, weiterzumachen, sichtbar zu bleiben - damit Trans-Menschen irgendwann ganz selbstverständlich dazugehören.

Matija Stefanovic weiß, dass Akzeptanz ein Prozess ist, dass Menschen sich ändern können. Er hat es selbst in seiner Familie erlebt. Ausgerechnet sein konservativer Vater ist der erste, der konsequent die richtigen Pronomen und den neuen Namen verwendet. Im vergangenen Jahr haben seine Eltern das erste Mal die Pride-Parade in Belgrad besucht. "Ich bin so stolz auf sie", sagt Matija Stefanovic. "Meine Eltern sind zu meinen größten Verbündeten geworden."