Stand: 27.07.2026 • 10:27 Uhr
Eine Tote, mehrere Verletzte: Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin herrschen Trauer und Entsetzen. Was ist über den Ablauf der Tat am späten Samstagabend bekannt? Und was über den getöteten Tatverdächtigen und sein Motiv?
Was ist passiert?
In der Nähe des Potsdamer Platzes ist am Samstagabend gegen 22 Uhr ein Fahrzeug im Tiergarten in eine Menschenmenge gefahren. Eine Frau kam dabei ums Leben, 29 Menschen wurden verletzt - teils schwer. Das Fahrzeug, ein weißer Kastenwagen, war nach Polizeiangaben vom Potsdamer Platz kommend in den Tiergarten und durch den Ahornsteig gefahren. Dabei soll der Fahrer Menschen an- oder umgefahren haben und dann mit einem Baum zusammengestoßen sein. Laut Polizei flohen der Fahrer und eventuell ein Beifahrer in unbekannte Richtung.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt berichtete bei einer Pressekonferenz, im Anschluss habe der Mann mit einer Stichwaffe, mutmaßlich einer Machete, weitere Menschen verletzt. Die Polizei prüft dies.
Schnell richtete sich die Aufmerksamkeit der Ermittler auf Abdul B.. Der 21-Jährige soll das Fahrzeug beschafft haben. Stundenlang suchte die Polizei nach dem Tatverdächtigen. Bis er am Sonntagabend gestellt werden konnte.
Wie wurde der Verdächtige von der Polizei gestellt?
Der mutmaßliche Täter ist im Rahmen einer großangelegten Fahndung in einer Kleingartenanlage in Spandau entdeckt worden. Das teilte die Berliner Polizei via WhatsApp und auf der Plattform X mit.
Der Mann sei dann mit einer Stichwaffe auf die Einsatzkräfte zugelaufen, daraufhin sei es zum Schusswaffengebrauch durch das Berliner SEK gekommen, hieß es von Seiten der Polizei. "Trotz sofort eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen durch die Berliner Feuerwehr verstarb er noch am Einsatzort", so die Polizei. Seine Leiche wurde in der Nacht nach Einsatz der Spurensicherung von der Gerichtsmedizin abtransportiert.
Nach dem Tod des Tatverdächtigen geht Bundesinnenminister Dobrindt aktuell von keiner weiteren Gefahr aus. "Es gibt weitere Maßnahmen, aber wir gehen jetzt aktuell von keiner weiteren Gefährdung aus", sagte der CSU-Politiker im ARD-Brennpunkt.
Was ist über den Tatverdächtigen bekannt?
Laut Innenminister Dobrindt ist B. deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund. Seine Mutter sei 2002 eingebürgert worden. Nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft ist B. 2005 in Berlin geboren worden und dort aufgewachsen.
Nach Informationen von NDR, WDR und SZ war Abdul B. als islamistischer Gefährder eingestuft. Sicherheitsbehörden schätzten ihn demnach als radikalisiert und gewaltbereit ein. Abdul B. soll demnach bereits von seinem 16. Lebensjahr an dem Verfassungsschutz bekannt gewesen sein.
Ist der Tatverdächtige schon früher aufgefallen?
Nach Angaben der Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat Abdul B. im vergangenen Jahr mehrmals versucht, sich im Ausland dem bewaffneten Kampf der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) anzuschließen.
Am 24. Juli 2025 sei er im Libanon festgenommen und dort "unter anderem wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten" zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung sei Abdul B. am 17. November 2025 nach Deutschland zurückgekehrt und noch am Flughafen BER erneut festgenommen worden.
Abdul B. war dann monatelang in Untersuchungshaft in Deutschland, ehe er am 12. Mai von einem Jugendschöffengericht zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten", verurteilt wurde.
Er soll sich nach Informationen von NDR, WDR und SZ in einer "Vorbewährung" befunden haben. Gerichte entscheiden in solchen Verfahren erst später, ob eine verhängte Strafe schließlich in Gänze zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Abdul B. kam auf freien Fuß und hatte offenbar die Auflage erhalten, an einem Deradikalisierungsprogramm bei einem freien Träger teilzunehmen.
Laut Ermittlerkreisen ist B. daraufhin teilweise observiert worden. Außerdem wurde sein Telefon überwacht.
Gibt es weitere Verdächtige?
Möglicherweise hielten sich zwei Menschen im Tatfahrzeug auf. Noch in der Nacht zum Sonntag soll es nach rbb-Informationen eine Festnahme gegeben haben. Dabei soll es sich um einen Mann mit iranischer Staatsbürgerschaft handeln. Die Polizei geht davon aus, dass er womöglich mit im Auto saß. Der Tatverdacht gegen den Mann bestätigte sich nicht. Er sei entlassen worden, teilte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft am Montagvormittag mit.
War die Tat ein terroristischer Anschlag?
Laut dem Bundesinnenminister handelte es sich bei der Tat um einen islamistischen Anschlag. Inzwischen hat der in Karlsruhe ansässige Generalbundesanwalt den Fall übernommen. Eine Sprecherin sagte der Nachrichtenagentur dpa, dass nun auch bezüglich möglicher "Hintermänner" oder "Mitwisser" ermittelt werde.
Der Generalbundesanwalt übernimmt Ermittlungen in der Regel nur bei schweren Straftaten, die sich gegen die innere oder äußere Sicherheit Deutschlands richten. Dazu zählen etwa Terrorismus oder Spionage.
Gibt es einen Zusammenhang mit dem CSD?
Noch ist nicht abschließend geklärt, ob sich der Anschlag explizit gegen den CSD gerichtet hat - es wird aber davon ausgegangen. Bundesinnenminister Dobrindt und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner betonten, dass sich der Anschlag nicht auf dem eigentlichen CSD-Festivalgelände ereignet habe. Es sei davon auszugehen, dass sich der Verdächtige nicht in diesen Bereich hätte begeben können, sagte Dobrindt bei seinem Pressestatement mit Wegner.
Wegner sagte, die Strecke des CSD sei von der Polizei abgesichert und die Sicherheit insgesamt hoch gewesen. Laut Dobrindt traf die Tat Menschen, die sich entweder im Tiergarten aufhielten oder sich gerade zu dem nahegelegenen Festivalgelände oder davon wegbewegten.
Wie sind die Reaktionen auf die Tat?
Nach dem Anschlag wurde am Sonntagmittag mit einer Andacht in der Berliner St. Marienkirche an die Opfer erinnert, an der unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) und Bildungsministerin Karin Prien (CDU) teilnahmen.
In einem Statement sagte der Kanzler: "Diese Taten haben nur einen Zweck: Sie wollen unsere Gesellschaft spalten, sie wollen uns das Wichtigste nehmen, was wir haben, nämlich unsere Offenheit und unsere Freiheit". Merz betonte: "Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern."
Friedrich Merz, Alexander Dobrindt, Stefanie Hubig und Karin Prien besuchten den Tatort.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt teilte mit: "Diese feige, abscheuliche Attacke auf friedlich feiernde Menschen erschüttert mich zutiefst. Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und allen, die diese Tat miterleben mussten." Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sprach von einem "Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft."
Inzwischen wird Kritik am Umgang der Behörden laut - Politiker fordern ein schärferes Strafrecht.
Berlin
CSD
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