Nach und nach werden mehr Details bekannt zum Anschlag auf die Großveranstaltung in Berlin zum Christopher Street Day (CSD) und den mutmaßlichen Täter. Kurz nach solchen Taten sind verifizierte Informationen oft nicht direkt verfügbar - diese Lücke wird in sozialen Netzwerken mit Falschinformationen oder Gerüchten gefüllt. DW Faktencheck zeigt einige Beispiele.
Schießerei in Toronto fälschlicherweise im CSD-Kontext geteilt
Behauptung: Auf der Social-Media-Plattform TikTok wird ein Videogeteilt, in dem eine fliehende Menschenmenge auf einer Veranstaltung zu sehen ist. Der Text auf dem Video im Stil einer Ortsmarke suggeriert, dass es sich um den CSD in Berlin handelt. Das Video kursiert auf verschiedenen Plattformenund in verschiedenen Sprachen.
DW Faktencheck: Falsch
Das Video zeigt nicht den Angriff auf den Berliner CSD, den Bundesinnenminister Alexander Dobrindt als islamistischen Terroranschlag eingestuft hat. Eine Bilderrückwärtssuche führt zu einem älteren Video auf YouTube, welches schon am 13. Juli dieses Jahres, also lange vor dem CSD in Berlin, veröffentlicht wurde.
Demnach ist nicht der Berliner CSD zu sehen, sondern eine Schießerei bei einem Salsa-Festival in Toronto in Kanada am 11. Juli. Mindestens zwei Personen sollen hier beim Festival Salsa on St. Clair das Feuer aufeinander eröffnet haben. Zwei Menschen sind laut Aussagen der kanadischen Polizeigetötet worden. Mindestens fünf Personen wurden verletzt. Über die Motive hinter der Schießerei hat die kanadische Polizei bislang noch nichts bekannt gegeben.
Fest steht: Das Video steht in keinem Zusammenhang mit dem Anschlag auf den CSD in Berlin.
Zeigt Handyaufnahme Festnahme des mutmaßlichen Täters?
Behauptung: Zu sehen ist eine verwackelte Aufnahme einer Straße bei Nacht, eine Person in einem weißen T-Shirt liegt auf dem Boden, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, daneben Menschen in Polizeiuniform - dieses sechs Sekunden lange Video soll laut einiger Posts wie hier auf Xzeigen, wie die Polizei den mutmaßlichen Täter am Tatort festgenommen hat. Die Behauptung kursiert auch auf Arabisch, Hebräisch und Russisch.
DW Faktencheck: Falsch
Das Video zeigt nicht die Festnahme des mutmaßlichen Täters. Es kursierte in sozialen Netzwerken bereits kurz nach der Tat in der Nacht von Samstag auf Sonntag. In dieser Zeit war der Tatverdächtige jedoch noch auf der Flucht. Mehr als 20 Stunden nach der Tat kamen die ersten Meldungen, dass die Polizei den mutmaßlichen Täter erschossen habe.
Wie hat sich das Video verbreitet?
Zunächst verbreitete das Medium "Junge Freiheit" das Video auf seinen Social-Media-Kanälen, was von anderen Accounts aufgegriffen wurde. Das ist zu erkennen an dem rot-weißen Logo "JF" im Video. Die Junge Freiheit ist eine rechtsgerichtete deutsche Wochenzeitung.
In ihrem Post bei Facebookschrieb die Junge Freiheit zunächst: "Festnahme am Anschlagsort in Berlin. Ob es sich um den Täter handelt, ist noch unklar." Später aktualisierte das Medium den Post mit der Einordnung "Laut Polizei handelt es sich nicht um den Tatverdächtigen. Dieser ist noch immer flüchtig."
Bei X schrieb die Junge Freiheit ursprünglich:"Laut Augenzeugen handelt es sich bei dem Mann auf dem Boden um den festgenommenen Amokfahrer vom CSD-Berlin." Diesen Post löschte die die Zeitung später und machte transparent,dass es sich nach Angaben der Polizei um eine andere Festnahme am Rande des CSD gehandelt haben soll.
Ob das Video tatsächlich im Rahmen des CSD in Berlin entstanden ist, ist unklar. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass das Video älter und damit aus dem Zusammenhang gerissen ist. Auf Anfrage an die Polizei Berlin, ob das Video einen Einsatz im Rahmen des CSD zeigt, reagierte die Behörde nicht inhaltlich, sondern verwies an den Generalbundesanwalt in Karlsruhe.
Klar ist aber: Die Festnahme des Tatverdächtigen zeigt das Video nicht.
KI-Videos mit emotionalen Statements zum CSD verbreitet
Behauptung: Insbesondere auf der Plattform TikTok tauchen derzeit mehrere Videos auf, in denen scheinbar Reaktionen zum islamistischen Terroranschlag in Berlin geteilt werden.
DW Faktencheck: Fake
Die mithilfe von Künstlicher Intelligenz generierten Videos auf TikTok sind von der Machart als KI zu erkennen und auch als solche von den Plattformen gekennzeichnet. Dennoch tauchen sie derzeit besonders im Kontext des CSD in Berlin auf.
Eine KI-generierte junge Frau mit einer Regenbohnen-Fahne um die Schultern sagt in einem einer Straßenumfrage anmutenden Videoetwa: "Wir wollen doch nur in Ruhe feiern." Jemand mischt sich daraufhin von hinten ein und sagt: "Genießt, was ihr gewählt habt." In einem anderen Video wird behauptet, die deutsche Regierung käme nicht mehr gegen islamistischen Terror an.
Die Videos zeigen keine realen Aussagen von Besuchern des CSD, sondern inszenierte politische Statements, die einen Eindruck authentischer Reaktionen auf ein reales Ereignis vermitteln sollen. Obwohl sie klar gekennzeichnet sind, können solche Videos dennoch zur Verbreitung von Desinformation beitragen, da sie reale Gruppen mit politischen Aussagen in Verbindung bringen.
Anschlag auf CSD Berlin: Trauer nach dem Terror
Zudem reagieren Nutzer und Nutzerinnen tatsächlich auf die KI-Videos. In den Kommentaren ist zu sehen, wie Menschen etwa blaue Herzen teilen, ein Zeichen für die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland, oder schreiben: "Dann hättet ihr mal die anständige Partei wählen sollen."
Der Accountteilt immer wieder KI-generierte Videos mit teils politischen Botschaften. Ein weiteres Videoimitiert gar ein offizielles Statement der Polizei, in der ein KI-generierter Polizist behauptet, der mutmaßliche Täter sei bekannt gewesen, aber immer wieder frei gelassen worden, da die Gefängnisse zu voll seien.
Kennzeichnungen von Künstlicher Intelligenz sind auf den Plattformen meist nur klein zu sehen und können beim Scrollen auf kleinen Handy-Bildschirmen leicht übersehen werden.
Hinweis: Dieser Artikel entstand im Rahmen der Kooperation der ARD Faktenchecker von ARD-faktenfinder und DW Faktencheck.