Vor 2 Stunden

Drags, Diven und Identität: Wie Hassandra Berlins arabische Queer-Community aufbaut

Hassandra gehört zu den bekanntesten Stimmen der queeren arabischen Kunstszene in Berlin. Mit dem 2023 gegründeten ADIRA Drag Festival schafft Hassandra gemeinsam mit anderen Räume für Austausch und Gemeinschaft.

"Adira" ist ein arabischer Slangbegriff aus der queeren Kultur des östlichen Mittelmeerraums. Er bezeichnet Menschen mit starker Präsenz, die als kraftvoll und erfolgreich gelten.

ADIRA ist auch der Name eines Berliner Kollektivs, das Veranstaltungen und Clubnächte organisiert, die die Vielfalt queerer arabischer* Kultur feiern. Das Sternchen hinter "arabisch" soll verdeutlichen, dass unter dem Begriff auch nichtarabische ethnische Minderheiten sowie Menschen mit unterschiedlichen Identitäten und Wurzeln in Südwestasien und Nordafrika mitgedacht werden.

Eine der Veranstaltungen des Kollektivs ist das "ADIRA Drag Festival", das Ende Oktober zum dritten Mal in Berlin stattfand. Unter dem Motto "Who's Your Diva?!" kamen Drag-Performende zusammen, die queeren Ikonen aus dem östlichen Mittelmeerraum Tribut zollten: von der ägyptischen Musiklegende Umm Kulthum über den türkischen Star Bülent Ersoy bis hin zur libanesischen Popikone Haifa Wehbe.

Hassandra hat ADIRA und das ADIRA Drag Festival mitbegründet und stand ebenfalls auf der Bühne - in der Rolle der libanesischen Popsängerin Elissa.

Diven als Vorbilder und Projektionsflächen

"Es ist mir sehr wichtig, meine libanesisch-arabische Identität und Kultur in meine Arbeit einzubringen, weil ich sie für eine sehr schöne Kultur halte. Und sie hat viele glamouröse und faszinierende Diven", sagt Hassandra.

Eine von ihnen ist die libanesische Popsängerin Elissa. Deren "gesamte Diskografie ist sehr romantisch, roh und sanft, fast mit Adele-Vibes", sagte Hassandra vor der Show im Gespräch mit DW. "Ihre Persönlichkeit gilt jedoch als das genaue Gegenteil. Sie ist sehr temperamentvoll, sehr direkt und ungefiltert. Als Mensch ist sie überhaupt nicht sanft."

Die Sängerin ist zudem dafür bekannt, sich zu politischen Themen im Libanon zu äußern. Sie hat sich öffentlich für LGBTQ+-Gemeinschaften im Nahen Osten ausgesprochen, zugleich aber mit ihren deutlichen Positionen zu anderen politischen Themen immer wieder Kontroversen in der arabischen Welt ausgelöst.

Beim Auftritt in Berlin greift Hassandra diese Komplexität auf und setzt sich mit Elissas teils umstrittenen politischen Ansichten auseinander. Das ist ganz im Sinne der Botschaft des Festivals: "Als queere Menschen neigen wir dazu, Pop-Diven zu idealisieren. Aber diese Pop-Diven sind in ihrem Wesen sehr unperfekt", sagt Hassandra. Die Show biete die Gelegenheit, das Vermächtnis dieser Diven noch einmal aus einer kritischeren Perspektive zu betrachten. Und im Grunde gelte das auch generell: "Man sollte im Leben niemandem blind folgen. Niemand sollte einem Politiker, einer politischen Partei, einer Pop-Diva oder einem Aktivisten blind folgen", so Hassandra.

Gemeinschaft durch Drag

Hassandra wurde 1994 in Beirut geboren und studierte Theater und Schauspiel an der Libanesischen Universität. 2017 zog Hassandra nach Berlin. "Es war eine sehr impulsive Entscheidung im Alter von 22 Jahren. Die wirtschaftliche Lage im Libanon war schlecht und es gab keine Aussichten." In Berlin wurde Hassandra nach und nach Teil der unabhängigen Kunstszene und des queeren Nachtlebens der Stadt. Drag entwickelte sich für Hassandra zu einer weiteren Form des Selbstausdrucks.

Mit Performances, die theatralische Intensität, politischen Humor, groteske Ästhetik und Momente der Zärtlichkeit verbinden, stellt Hassandra konventionelle Vorstellungen von Geschlecht und Identität infrage. Hassandra erkundet Themen wie Heimat, Nostalgie, Entwurzelung und queere arabische Kultur. 2023 gründete Hassandra ADIRA, zusammen mit dem syrisch-deutschen DJ und Kulturproduzenten Zuher Jazmati, der auch unter dem Namen xanax_attax bekannt ist.

Mit Podiumsdiskussionen, Performances und Musikveranstaltungen fördert ADIRA gesellschaftliche Teilhabe und den Aufbau von Gemeinschaft. Angesichts zunehmender Islamfeindlichkeit und Homophobie sowie des Erstarkens der extremen Rechten bieten Orte wie ADIRA arabischen queeren Gemeinschaften ein Gefühl von Zugehörigkeit und Unterstützung. Dieses Gemeinschaftsgefühl hat nach dem tödlichen islamistischen Terroranschlag während der Christopher-Street-Day-Parade in Berlin im Juli noch mehr an Bedeutung gewonnen.

Nach dem Anschlag fühlte sich Hassandra zwischen verschiedenen Identitäten gefangen. Als queere arabische Person gerate man in eine Situation, in der man plötzlich viel Rassismus erfahre. "Deshalb ist es wichtig, dass wir als queere arabische Menschen sagen, dass wir traurig sind über das, was passiert ist. Aber wir lehnen auch den Rassismus ab, der daraus entsteht." Hassandra hat den Eindruck, dass die arabische Gemeinschaft in vielerlei Hinsicht als Sündenbock herhalten müsse. Doch statt zuzulassen, dass der Anschlag weiteren Hass und Rassismus schürt, will Hassandra dazu beitragen, Deutschland zu einem "sichereren Ort für alle zu machen", denn: "Es gibt Platz für alle. Es ist ein riesiges Land."

Das Interview mit Hassandra führte Gönna Ketels. Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck