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Das Recht dazuzugehören und die Bedrohung durch den Autoritarismus

Keynote Graeme Reid (English/ Deutsch)Fotos der Konferenz / PhotosGrußwort Lars CastellucciInvite/ Einladung Zusammenfassung der internationalen Konferenz der Hirschfeld-Eddy-Stiftung „Das Recht dazuzugehören und die Bedrohung durch den Autoritarismus“ vom 22. September 2026. Zum Auftakt der Konferenz „Das Recht dazuzugehören und die Bedrohung durch den Autoritarismus“, begrüßte Sarah Kohrt, Leiterin des Projektes „Der pinke Faktor. Die Rolle […] Der Beitrag Das Recht dazuzugehören und die Bedro

Keynote Graeme Reid (English/ Deutsch)Fotos der Konferenz / PhotosGrußwort Lars CastellucciInvite/ Einladung

Zusammenfassung der internationalen Konferenz der Hirschfeld-Eddy-Stiftung „Das Recht dazuzugehören und die Bedrohung durch den Autoritarismus“ vom 22. September 2026.

Zum Auftakt der Konferenz „Das Recht dazuzugehören und die Bedrohung durch den Autoritarismus“, begrüßte Sarah Kohrt, Leiterin des Projektes „Der pinke Faktor. Die Rolle von LSBTIQ* im globalen Streit um Werte, Ressourcen und Vorherrschaft“, im Namen der Hirschfeld-Eddy-Stiftung alle Referierenden, Mitwirkenden und Teilnehmenden.

Das offizielle Grußwort von Seiten der Bundesregierung sprach Prof. Dr. Lars Castellucci, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe. Eingangs ordnete Professor Castellucci seinen Standpunkt ein:

„Wir erleben weltweit Rückschritte bei der Gleichstellung und insbesondere, oder häufig zuerst, bei queeren Personen. Wir sehen, wie ihre Menschenrechte systematisch infrage gestellt und aktiv bekämpft werden. Gewalt, Bedrohung und Diskriminierung sind an der Tagesordnung. Deshalb bin ich heute hier, um meine Solidarität auszudrücken und damit wir uns gemeinsam versprechen, dass wir diese Entwicklung zurückdrängen werden.“

Prof. Castellucci illustrierte an einem Beispiel die Probleme von Homosexuellen in der deutschen Gesellschaft und erläuterte, wie Homophobie und Angriffe auf Menschenrechte zurückgewiesen werden können. Dazu hob er die Bedeutung globaler Allianzen und Bündnisse für Menschenrechte hervor.

„Aus meiner Sicht braucht es dafür ein großes Bündnis. Und ich als Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung kann Ihnen hier bei der menschenrechtspolitischen Stiftung des LSVD+ sagen: Es gibt diese Allianz. Der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte hat sie ins Leben gerufen: die Globale Allianz für Menschenrechte.“

Zur Konkretisierung nannte er die Equal Rights Coalition und den Unabhängigen Experten der Vereinten Nationen gegen Gewalt und Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität (UN Independent Expert on Sexual Orientation and Gender Identity).

Globale Allianz für Menschenrechte und multilaterale Initiativen

Perspektivisch wies der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung auf das Jahr 2028 hin, in dem die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ihren 80. Geburtstag feiert. Er rief alle dazu auf mit zu feiern:

„Wenn wir beispielsweise in zwei Jahren, im Jahr 2028, 80 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte feiern: Wie können wir es auch in Deutschland schaffen, als ein deutsches Netzwerk dieser Globalen Allianz möglichst viel in Bewegung zu setzen? Wie können wir das Kalenderjahr 2028 zu einem Jahr der Menschenrechte machen? Zu einem Jahr, in dem die Nachrichten über die Menschen und ihre Rechte im Zentrum stehen und nicht nur noch die Nachrichten über die Autoritären dominieren, wie wir das heute erleben. Wie kann das gelingen? Natürlich indem viele mitmachen.“

Im Gespräch mit den Konferenzteilnehmenden antwortete Professor Castellucci auf Fragen zu Einschnitten in die Finanzierung von LSBTIQ*Projekten, zur Umsetzung des LSBTI-Inklusionskonzeptes des Auswärtigen Amts und des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Zudem unterstrich er die Wichtigkeit integrierter Vorgehensweisen.

Wegweisende Keynote des Unabhängigen Experten der UN für SOGI Graeme Reid

Dr. Graeme Reid, amtierender UN Independent Expert on Protection against Violence and Discrimination based on Sexual Orientation and Gender Identity, erläuterte in seiner zuvor aufgezeichneten Video-Keynote die Wichtigkeit des Schutzes von sexuellen Minderheiten und LSBTIQ*Menschenrechten. Er benannte die Bedrohungen durch den Autoritarismus und die dringende politische Aufgabe, dem gegenzusteuern. Denn es gehe um die Bewahrung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die klare Haltung von Dr. Graeme Reid bringen diese (inter-) national wegweisenden Zitate zum Ausdruck:

„Der Schutz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, transgender und geschlechtsdiversen Menschen wird mitunter als Nischenthema oder wie eine spezielle Fragestellung behandelt, losgelöst von umfassenderen Anliegen der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Dabei gewinnen wir wichtige Erkenntnisse über die Funktionsfähigkeit demokratischer Institutionen und deren Beitrag zum Schutz aller Bürger*innen, wenn wir uns anschauen, wie mit schutzbedürftigen Menschen, einschließlich LGBTI-Personen, umgegangen wird.“

Deshalb warnte der Unabhängige Experte der UN: „Wenn politische Führungspersonen gezielt Feindseligkeit gegenüber einer kleinen und oft nur unzureichend verstandenen Minderheit schüren, zeitigen die dabei angewandten Methoden häufig Auswirkungen, die weit über diese Minderheit hinausgehen. Sehr oft sind ihre Maßnahmen das Vorzeichen für die Aushöhlung der demokratischen Institutionen und Grundfreiheiten.“

Dr. Graeme Reid gab außerdem zu bedenken:

„Diese Entwicklungen haben Konsequenzen für den zivilgesellschaftlichen Raum. Maßnahmen, die auf die sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität abzielen, schränken häufig die Meinungs‑, Versammlungs- und Vereinsfreiheit ein – Thema meines Berichts von 2024 an den Menschenrechtsrat.“

Schüren von Feindseligkeit gegenüber Minderheiten als Vorzeichen für die Aushöhlung demokratischer Institutionen und Grundfreiheiten

Um Autoritarismus gegenzusteuern, benannte Dr. Graeme Reid u.a. diese Prioritäten:

„Regierungen sollten Gesetze aufheben, die einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe stellen, sowie Gesetze, die die Auseinandersetzung mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt zensieren. (…) Gerichte, nationale Menschenrechtsinstitutionen und Ombudsleute müssen unabhängig und zugänglich bleiben. Ihre Fähigkeit, verfassungsrechtliche und internationale Garantien unparteiisch anzuwenden, ist besonders wichtig, wenn starke Vorurteile in der Öffentlichkeit herrschen. Darüber hinaus müssen Staaten den zivilgesellschaftlichen Raum schützen.“

Er forderte: LGBT-Organisationen müssen die Möglichkeit haben, sich zu äußern, zu versammeln und zusammenzuschließen.

„Wenn LGBT-Personen aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden, schmälert dies die Demokratie selbst. Angriffe auf schutzbedürftige Minderheiten sind ein wiederkehrendes Merkmal von autoritärem Populismus und können Vorboten umfassenderer Angriffe auf die demokratischen Institutionen und die Rechtsstaatlichkeit sein. Auch wenn die unmittelbaren Auswirkungen unverhältnismäßig stark diejenigen treffen, die ins Visier genommen werden, haben die dadurch geschaffenen Befugnisse und Präzedenzfälle weiterreichende Konsequenzen. Dies betrifft uns alle.“

Nick Antipov: Merkmale und Strategien des Autoritarismus

Muster, Merkmale und Strategien des Autoritarismus erläuterte Nick Antipov, Aktivist aus Belarus vom D‑HUB, Berlin. Er stellte dar, wie autoritäre Staatschefs sich gegenseitig kopieren und einen neuen Populismus mit disruptivem Stil nutzen – weg von der bisherigen Politik. Eine Taktik sei gesellschaftliche Spaltung. Dazu würden Feindbilder geschaffen, die auf bestehenden Vorurteilen aufbauen, so etwa gegenüber LSBTIQ*. Zur Verbreitung sind neue narrative Formate und eine mediale bzw. kommunikative Infrastruktur nützlich, bei der es um Aufmerksamkeit und nicht um Repräsentation gehe. Mit Lügen und einer Überinformation durch Podcasts und Influencer-Meldungen würden Menschen erschöpft. Es würde um Desorientierung und nicht um Überzeugung gehen, um die Dramatisierung von Krisen um einfache Lösungsvorschläge, und das Versprechen von Helden.

Breite Bündnisse und eigene positive Narrative

An queeren Menschen würde das Vorgehen getestet; das Schaffen von Feindbildern als Werkzeug könne dann auf andere gesellschaftliche Gruppen angewandt werden, so geschehen in Russland mit dem Propagandagesetz von 2022 und mit der Einstufung der „internationalen LSBTIQ*-Bewegung“ als Terroristen 2023. Diese absichtlich vage Beschreibung kann willkürlich auf alle angewendet werden. In Belarus seien 2026 ähnliche Gesetze verabschiedet worden.

Um den Strategien der Autoritären entgegenzutreten, sei es wichtig, Gegennarrative zu schaffen, die auch emotional ansprechen, betonte Antipov. Nötig seien jetzt digitale sowie reale breite zivilgesellschaftliche Koalitionen auch mit neuen Allianzpartnern, etwa aufgeschlossenen Kirchen und Gewerkschaften. Daraus könne eine politische Kraft entstehen. An erster Stelle müsse das Recht auf Zugehörigkeit stehen. Nick Antipov empfahl das „Anti-Autoritäre Toolkit“ von D‑Hub. Es zeige allen Interessierten alltägliche praktische Wege auf, um etwas gegen Autoritäre zu tun.

Nazeeha Saeed: LSBTIQ* in arabischsprachigen Medien

Zur gesellschaftlichen Meinungsbildung über gesellschaftliche Inklusion oder Exklusion queerer Minderheiten tragen Medien bei. Wie die Berichterstattung über LSBTIQ* in arabischsprachigen Medien verbessert werden kann, erläuterte Nazeeha Saeed, Journalistin und Medienkoordinatorin für Outright International. Sie beschrieb die schwierige Situation von Journalist*innen in der arabischsprachigen Welt, dazu verwies sie auf Berichte und Einschätzungen zur Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen. Auch die Tötung von zahlreichen Journalist*innen in Kriegen und bewaffneten Konflikten problematisierte sie.

Mit Blick auf LSBTIQ* sagte Saaed, über viele Jahre hätten arabischsprachige Medien – etliche Massenmedien seien konservativ — Stereotype über sexuelle Minderheiten verbreitet und abwertende Termini benutzt. Erst seit dem Arabischen Frühling hätte sich das gewandelt. Begrifflichkeiten und Narrative hätten sich geändert. Dazu hätten Medientrainings für über 200 Journalistinnen und Journalisten aus arabischsprachigen Ländern beigetragen. In dem Rahmen wurden persönliche Begegnungen mit Homosexuellen und Trans*personen und mit LSBTIQ*-Organisationen ermöglicht. Gerade persönliche Begegnungen können Verständnis für unterschiedliche Formen von Geschlecht, Liebe und Sexualität schaffen und ein Bewusstsein wecken, wohin Hassrede führen kann.

Zudem wurde ein Netzwerk von Journalistinnen und Journalisten als Allianzpartner*innen geschaffen. Zwar würde es alternative Medien und social media geben. Nötig seien Plattformen mit wertschätzenden LSBTIQ*-Materialien auf Arabisch, dazu seien finanzielle Mittel erforderlich. Exemplarisch nannte Saeed eine Webseite zu Transthemen.

Saeed forderte, die Pressefreiheit und Journalismus stärker zu fördern und nicht mit autoritären Regimen zu kooperieren. Sie unterstrich, dass Medien die vierte Säule demokratischer Systeme sind, sie bieten Fakten und unterschiedliche Meinungen. Ohne neutrale und freie Medien wird Autoritarismus noch stärker werden und die Repression gegenüber marginalisierten Gruppen wie LSBTIQ* zunehmen, bis alle ihre Menschenrechte verlieren.

World Café – vier Thementische mit der Leitfrage: Wie kann das Recht dazuzugehören gegen Autoritarismus verteidigt werden?

Tisch 1, Was tun gegen Desinformation über LSBTIQ*-Themen?

Moderation: Dr. Heike Winkel, Referentin, Bundeszentrale für politische Bildung

Desinformationsaktivitäten sind in ihrem Kern kommunikationsbasiert, d.h. sie setzen an der Sprache über LSBTIQ+ an mit Sprachverboten, Hate Speech, desinformierenden identitätsbasierten Erzählungen. Desinformation kann falsche Fakten enthalten; ihr Kennzeichen ist, dass sie immer mit bösartiger Absicht verbreitet wird, bspw. um Hass zu schüren, die Gesellschaft zu spalten, gesellschaftliche Gruppen wie z.B. queere Menschen auszugrenzen.

Das beinhaltet mehrere Dimensionen: zum einen wird über queere Menschen falsch, verzerrt, herabsetzend etc. gesprochen; zum anderen sollen Menschen daran gehindert werden, LSBTIQ+-Menschen vorurteilsfrei und wertschätzend zu begegnen. Es liegt deshalb nahe, Strategien zur Abwehr von Desinformation auch als Kommunikationsstrategien zu denken.

Am Beispiel russischer Desinformation lassen sich die innenpolitisch und außenpolitisch unterschiedlichen Funktionsweisen von LSBTIQ+-Feindlichkeit nachvollziehen.

Innenpolitisch eskalierte die staatliche Repression stetig seit 2013. In dem Jahr gab es das erste Verbot der sogenannten „Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen“ gegenüber Minderjährigen; 2022 wurde das Informationsverbot auf alle Altersgruppen ausgeweitet; 2023 Einstufung einer nicht näher definierten „Internationalen LSBT-Bewegung“ als extremistisch, also ein landesweites Betätigungsverbot zu allen Themen, die die Lebenssituation von LSBTIQ+ berühren.

Außenpolitisch: LSBTIQ+ fungieren als politisches Feindbild. LSBTIQ+ sind dabei ein Angriffsziel, vor allem aber symbolisch Träger grundlegender Erzählungen Russlands über die eigene Identität und die Identität eines angenommenen „Kollektiven Westens“. Beide werden als absolut antagonistisch dargestellt. Desinformation und LSBTIQ+-feindliche Gesetzgebung verstärken sich gegenseitig.

Sprachliche Gewalt hat in Russland erhebliche realweltliche Auswirkungen mit massiven institutionellen und gesamtgesellschaftlichen Ausgrenzungen, körperlicher Aggression gegen LSBTIQ+-Personen und Mobilisierung von Hass.

Es gibt queerfeindliche Grundnarrative, die in verschiedenen situativen, aber auch regionalen Kontexten angepasst und aktualisiert werden. Dem gegenüber stellt sich Russland als Hort traditioneller christlicher Werte und als Schutzinstanz dar.

Diskussion am Tisch entlang der Leitfragen zu Erfahrungen mit Desinformation, zu Gegenstrategien und zur Abwehr von Desinformation über LSBTIQ+:

Die Diskussion kreiste um Instrumente, die bekannt sind und über ihre Stärken und Schwächen. Das Fact-Checking / Überprüfung von Angaben/Fakten ist wichtig, aber das „Debunken“ — also das Hinweisen auf Desinformation — birgt die Gefahr, desinformierende Inhalte weiter zu verbreiten und hat außerdem in der Regel weniger Reichweite als die Desinformation selbst. „Prebunking“ ist dagegen als Stärkung von kritischer Medienkompetenz wichtig.

Dies führte zum breiten Themenbereich „Bildung“ mit einer wichtigen Erkenntnis und Notwendigkeit: Es darf nicht nur um technische Medienkompetenz gehen, gefragt ist auch politische Medienkompetenz, um zu zeigen, welche politischen Interessen und Netzwerke hinter Desinformationsaktivitäten stehen. Ebenso diskutiert wurde die politische Verantwortung von Plattformbetreibenden und die Forderung nach Plattformkontrolle.

Angesichts der drängenden Probleme wurde diskutiert, inwieweit es legitim ist, populistische Strategien zur Abwehr von Desinformation zu nutzen. „Flooding the zone with shit“ (die [mediale] Zone mit Müll überschwemmen) ist eine Strategie der Desinformation. Es brauche neue, positive Narrative über LSBTIQ+ dagegen.

Die starken internationalen rechten/neurechten Netzwerke und deren umfangreichen finanziellen Ressourcen für ihre Desinformationsaktivitäten wurden als großes Problem beschrieben. Es werden dringend Ressourcen gegen diese destruktiven Strategien benötigt (Fördergelder, langfristige Strukturen für Arbeitsmöglichkeiten etc.). Aber es wurde auch betont, dass sogar mit geringen Ressourcen viel erreicht werden kann. Als besonders produktiv wurden Formate angesehen, in denen unterschiedliche Menschen in direkten Kontakt gebracht werden, z.B. Dialogformate, in denen queere Menschen mit Menschen zusammenkommen, die Vorurteile und Vorbehalte haben. Solche Formate müssten sehr sorgfältig kuratiert und sensibel begleitet werden, zeigten aber Wirkung – Begegnung wirke Entmenschlichung entgegen.

Tisch 2, Activism in authoritarian contexts

Moderation: Georgy Kalakutskii, Referent bei der russischen LSBT-Organisation Coming Out

Kontexte und Probleme: Verbote führen zu Isolation. Am Beispiel Russlands sehen wir, wie einzelne Anti-LSBTQ+-Gesetze ein Umfeld schaffen, das Diskriminierung gegenüber der queeren Community begünstigt. Es ist schlimm, dass Bücher und Filme verboten werden; aber eine noch problematischere Folge ist: Queere Menschen fühlen sich zunehmend auch bei ihren Nachbar*innen, Mitschüler*innen und Arbeitgeber*innen nicht mehr sicher. Das dokumentiert eine Studie der ComingOut LGBT+ Group.

Als Schlüsselfrage wurde diskutiert: Warum ist die Auseinandersetzung mit den Problemen wichtig? Queere Menschen haben eine große Fähigkeit, sich zu organisieren. Es gibt Millionen queerer Menschen, und es ist unmöglich, jede*n Einzelne*n hinter Gitter zu bringen. Jedoch ist es möglich, keinen Raum zum Handeln zu lassen. Damit haben alle, die in sichereren Staaten leben, eine Verantwortung, queere Menschen in autoritären Ländern zu unterstützen, um ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Auf diese Weise sollten wir ihnen mehr Raum zum Leben und damit zum Handeln verschaffen, damit sie sich zum Beispiel mit anderen queeren Menschen treffen und in ihren lokalen Gemeinschaften organisieren können.

Konkrete Vorschläge: Die Unterstützung von LSBTQ+-Menschen in autoritären Regimen erfordert eine Organisation im eigenen Land. Die Veranstaltung eines Wohltätigkeitsdinners, eines Karaoke-Abends und vieles mehr kommt allen in zweierlei Hinsicht zugute: Die lokale Gemeinschaft erfährt mehr über die Schwierigkeiten queerer Menschen in einem anderen Land und solche Veranstaltungen vervielfachen zudem ihre Wirkung, wenn dann auch Spenden für die dringendsten Bedürfnisse der Gemeinschaften in diesen Ländern gesammelt werden. Diese Mittel könnten anschließend für Rechtsbeistand, psychologische Hilfe und vieles mehr verwendet werden.

Tisch 3, Nigeria und seine Demokratiebewegung

Moderation: Aktivist, anonym, Nigeria

Die nigerianische Regierung verschärfte 2014 mit dem Same-Sex Marriage (Prohibition) Act die Strafgesetzgebung zu Homosexualität: Das bloße Dasein queerer Menschen wird mit einer Haftstrafe von vierzehn Jahren geahndet und die Unterstützung der Rechte von LSBTQ+ wird mit zehn Jahren bestraft. Das Gesetz hat in der Folgezeit Queerfeindlichkeit institutionalisiert. Homophobe Bedrohungen, Übergriffe und Gewalt gegen sexuelle Minderheiten eskalierten. Die autoritäre Regierung Nigerias ging gegen Netzwerke von LSBTIQ+ vor und griff sie an; queere Treffpunkte waren keine sicheren Orte mehr. Das war fatal, denn im ganzen Land gab es Organisationen, die ein starkes Netzwerk zur Interessenvertretung aufgebaut hatten. Einige queere Aktivist*innen hatten sogar Verbündete in staatlichen Institutionen wie der Nationalen Menschenrechtskommission, im Gesundheits- und Justizministerium gewonnen. Internationale Finanzmittel ermöglichten es, Rechtsverletzungen zu dokumentieren, Schattenberichte zu erstellen und bei den Vereinten Nationen und bei der Afrikanischen Kommission für Menschenrechte und die Rechte der Völker einzureichen.

Heute gilt Nigeria als eines der queerfeindlichsten Länder der Welt, mit einem erschreckenden Ausmaß an Gewalt gegen LSBTIQ+-Personen. Um zivilgesellschaftliche Allianzen, Unterstützung, Solidarität und Toleranz zu zerschlagen, nutzten Regierende religiöse Anführer, also Pastoren und Imame, die Homosexualität als Fluch oder als westlichen Import verurteilten und gegen sexuelle Minderheiten hetzten. Es war ihre Absicht, mit sensationalistischer Bezugnahme auf Moral gesellschaftliche Spaltungen zu organisieren. Strategisch bedienten sie auch den Vorwurf des Neokolonialismus. Ihnen ging es aber nicht nur um queere Menschen, sondern um vulnerable Menschen, dazu zählten auch Menschen mit Behinderungen.

Der nigerianische Menschenrechtsaktivist erläuterte die schwierige Problemlage, faktisch eingeklemmt zu sein zwischen einem System, das queere Menschen kriminalisiert, und einer finanziell gut ausgestatteten, internationalen homophoben Anti-Menschenrechtsbewegung.

Nigeria sei kein Einzelfall, was dieses Vorgehen betrifft. Denn inzwischen seien alle Bemühungen und Erfolge bedroht. Seit Donald Trump wieder Präsident der USA ist, hat die organisierte Agitation gegen die Menschenrechte von LSBTIQ+ auf dem afrikanischen Kontinent stark zugenommen. Diese Agitation hat eine zunehmende Kriminalisierung von Homosexualität mit einer grenzüberschreitenden queerfeindlichen Rhetorik angeheizt. Beispiele für diese Dynamiken sind Mali, Senegal, Niger, Ghana und Uganda. Das zeigt, wie mächtig die Anti-Menschenrechts-Bewegung geworden ist.

In Nigeria wurden frühere Verbündete mit Geld korrumpiert und dafür bezahlt, sich gegen queere Gemeinschaften zu stellen, für die sie einst eintraten. Das belegt, dass ihre Verbundenheit mit queeren Aktivist*innen nur Alibipolitik war. Es gibt in Nigeria auch einen Anstieg von Entführungen und Morden an queeren Menschen, so ist Scham zur Infrastruktur geworden, Schweigen zur Währung und Angst zur Ware. All das verstärkt die Queerfeindlichkeit des unterdrückerischen Systems.

Im Kontrast dazu unterstrich der nigerianische Aktivist: Weltweit stehen LSBTIQ+-Gemeinschaften an der Spitze demokratischer Bewegungen. Queere Menschen nehmen einen besonderen Platz in der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit ein. Es geht um den gemeinsamen Kampf gegen Ungleichheit, den Widerstand gegen Unterdrückung und den Einsatz für soziale Gerechtigkeit, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Deshalb hätten autoritäre Systeme Angst vor queeren Engagierten und würden queere Organisationen immer wieder angreifen.

Und der nigerianische Aktivist forderte dazu auf: In einer Welt, die von Krisen, Chaos und Negativität geprägt ist, gemeinsam daran zu arbeiten, die über Jahre erreichten Fortschritte zu bewahren und die queere Gemeinschaft gegen Widrigkeiten zu verteidigen. Denn die Rechte von queeren Menschen sind nicht verhandelbar.

Um mit Angriffen und Rassismus umzugehen sei es wichtig, koloniale Hintergründe zu kennen und zu beachten und Begriffe und Vorstellungen wiederzubeleben, die mit dem Kolonialismus verlorengegangen sind. So bedeute Ubuntu Mitmenschlichkeit. Marginalisierte Gemeinschaften sollten wertgeschätzt werden. Hoffnung sollte ein Leitmotiv sein. Notwendig sei dekoloniales und gemeinsames Handeln. Dazu sollten Europäer*innen den größten Teil der Arbeit leisten, denn die Folgen des Kolonialismus würden nicht nur queere Menschen in Afrika betreffen.

Tisch 4, Kirchliche Hilfswerke in progressiven Allianzen – Bezug zur UN

Moderation: Farina Hoffmann, Referent*in Brot für die Welt

Diskussionspunkte: Die Arbeit bei den Vereinten Nationen muss in der Arbeit vor Ort verankert sein. Allzu oft verlieren Bündnisse auf UN-Ebene diesen Bezug. Dies zeigt sich auch in Begrifflichkeiten, die die Menschen vor Ort nicht verwenden oder nicht verstehen. Es ist hilfreich, unterschiedliche Begriffe in ihren Kontext zu setzen und zum Beispiel diejenigen zu verwenden, die jeweilige Gemeinschaften bereits verwenden.

Auch folgendes Problem wurde diskutiert: Bündnisse zielen oft nicht darauf ab, die am stärksten marginalisierten Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Viele queere Menschen fühlen sich von progressiven christlichen Allianzen nicht vertreten. Allianzen sollten Stimmen von Mehrfachmarginalisierten ins Zentrum stellen, auch wenn es nicht immer direkt gelingt. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass diese Stimmen in größeren Koalitionen oder Allianzen an den Rand gedrängt werden. Christliche Allianzen müssen auch die Relikte christlichen Einflusses anerkennen, die queeren Menschen geschadet haben, z. B. im Erbrecht und in der Ehe (die gleichgeschlechtliche Beziehungen ausschließt). Dies ist ein erster Schritt, um Allianzen mit progressiven Christ*innen überhaupt erst zu ermöglichen.

Zu den Empfehlungen zählte: Für Bündnisse ist es wichtig, an den von ihnen festgelegten roten Linien oder Grenzpunkten festzuhalten. Das gilt auch für Situationen, in denen sich die allgemeine Debatte verschiebt oder nach rechts verlagert. Andernfalls verlieren Bündnisse ihre Glaubwürdigkeit — auch angesichts von Doppelmoral. Es muss Maßnahmen geben, um progressive Bündnisse vor Vereinnahmung zu schützen, z. B. durch Kräfte von rechts oder persönliche Interessen. Oftmals ist es sinnvoll, sich in bestimmten Punkten zusammenzuschließen und dann für andere Punkte neue Koalitionen zu bilden. Diese Bündnisse sollten flexibel sein und als sich ständig wandelnd verstanden werden.

Zum Abschluss der Konferenz präsentierten die Verantwortlichen für die vier World Café Tische einige der genannten zentrale Diskussionspunkte und Sarah Kohrt dankte allen Mitwirkenden und Teilnehmenden. Dabei unterstrich sie die Bedeutung von Bündnissen. Die Konferenz wurde von der Journalistin Tamina Kutscher moderiert.

Rita Schäfer, freiberufliche Afrikawissenschaftlerin.

Fotos: Claudia Reinhardt

Weiterführende Informationen:

https://www.hirschfeld-eddy-stiftung.de/infozentrum/virtuelle-bibliothek/chronologisch

https://www.hirschfeld-eddy-stiftung.de/vernetzung/lgbti-plattform-fuer-menschenrechte/lgbti-platform-for-human-rights-english-version

https://www.lsvd.de/de/ct/13389-Konferenz-der-Equal-Rights-Coalition

https://www.lsvd.de/de/ct/13785-erc-bericht

https://www.ohchr.org/en/special-procedures/ie-sexual-orientation-and-gender-identity/annual-thematic-reports

https://www.ohchr.org/en/documents/thematic-reports/ahrc6246-violence-and-discrimination-experienced-lesbian-bisexual-and

https://blog.lsvd.de/queerfeindliche-propaganda-aus-russland-mit-traditionellen-werten-gegen-gayropa/

https://blog.lsvd.de/anti-queere-propaganda-nach-mass-der-kreml-und-die-albtraeume-europas/

Keynote Graeme Reid (English/ Deutsch)Fotos der Konferenz / PhotosGrußwort Lars CastellucciInvite/ Einladung

Eine Publikation der Hirschfeld-Eddy-Stiftung im Rahmen des Projekts: „Der pinke Faktor. Die Rolle von LSBTIQ* im globalen Streit um Werte, Ressourcen und Vorherrschaft“.

Schlagwörter Menschenrechte, PF-2025, UN