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Gedenken und offene Fragen: Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) herrschen Trauer und Wut, gleichzeitig gibt es Forderungen nach Aufklärung und politischen Konsequenzen. Der Vorsitzende der Jungen Union (JU), Johannes Winkel, fordert Erwachsenenstrafrecht für alle Gefährder. »Die Politik darf nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern muss den gesamten Rechtsrahmen überprüfen und aus dem Fall die Konsequenzen ziehen«, sagte er dem »stern« .
Gefährder dürften künftig nicht mehr nach Jugendstrafrecht verurteilt werden können, forderte Winkel. »Die dafür notwendige ›Reifeverzögerung‹ darf künftig nicht mehr angenommen werden, wenn Täter sich radikalisiert haben.«
Hintergrund ist eine frühere Verurteilung des 21-jährigen mutmaßlichen Angreifers Abdul B. Er war im Mai wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einem Jahr und zehn Monaten Haft zur »Vorbewährung« verurteilt – eine Besonderheit des Jugendstrafrechts.
(Lesen Sie hier mehr zur Vorgeschichte Abdul B.s)
Zugriff in Spandau
Auch andere Unionspolitiker äußerten sich ähnlich: »Freiheitsrechte von gerichtsbekannten Extremisten und Islamisten dürfen spätestens dann nicht länger überhöht werden, wenn Leib und Leben von Menschen gefährdet sind«, sagte der Vorsitzende des Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestags, Marc Henrichmann, dem »Handelsblatt«.
Die »Kriegserklärung an unsere freiheitliche Demokratie« dürfe nicht »mit Samthandschuhen« beantwortet werden, sagte Henrichmann. Bei einer konkreten und erheblichen Gefahr müsse der Schutz der Bevölkerung »allerhöchste Priorität« haben.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte in der ARD: »Und in der Tat wird zurzeit sehr die Frage danach gestellt, wie kann eigentlich bei jemandem, den man als Gefährder identifiziert, eine Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden.« Dem werde »detailliert nachgegangen«. Es gebe weitere Maßnahmen, »aber wir gehen jetzt aktuell von keiner weiteren Gefährdung aus. Aber das ist alles immer eher eine Momentaufnahme.«
In der Vergangenheit sei immer auch nach weiteren Verdächtigen gesucht worden. »Es gibt eine weitere Person, die dort in Betrachtung ist. Das hat sich bisher aber nicht erhärtet, ist aber auch noch nicht abgeschlossen.« Anschläge wie dieser würden aber typischerweise von Einzeltätern begangen. Die Ermittlungen zu dem Anschlag am Rande des CSD übernahm die Bundesanwaltschaft als oberste Anklagebehörde in Deutschland.
Keine 24 Stunden nach dem Anschlag auf den CSD hatte die Polizei B. in Berlin-Spandau ausfindig gemacht. Angaben der Polizei zufolge lief der Tatverdächtige am Sonntagabend mit einer Stichwaffe auf Polizisten zu. Das Spezialeinsatzkommando schoss auf den Mann. Anwohner erzählten von bis zu neun Schüssen. Der Mann starb laut Polizei noch am Einsatzort, trotz sofort eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen durch die Feuerwehr.
Der Anschlag am Samstagabend beendete den CSD jäh. Hunderttausende Menschen hatten den ganzen Samstag auf den Berliner Straßen gefeiert. Mehr als 80 Trucks mit Musik fuhren Richtung Tiergarten zur großen Abschlussparty am Brandenburger Tor. Gegen 22 Uhr fuhr ein Mann auf dem dunklen Weg im Park zahlreiche Menschen an. Danach krachte er mit seinem weißen Van gegen einen Baum, stieg aus und floh. Den Ermittlern zufolge ging er mutmaßlich auch mit einer Machete auf Passanten los. 29 Menschen erlitten bei dem Anschlag teils schwere Verletzungen. Eine Frau starb.
Bundeskanzler Merz am Tatort
Dutzende Sanitäter und Notärzte der Berliner Feuerwehr versorgten Verletzte. Menschen wurden in Rettungswagen geschoben und zu Krankenhäusern gefahren. In einem schnell aufgebauten Zelt sprachen Seelsorger mit Zeugen der Tat, die unter Schock standen. Die Polizei sperrte den gesamten Park ab und suchte mit Wärmebildkameras aus der Luft nach dem Täter. Aber vergeblich, er entkam zunächst.
Schnell identifizierte das Landeskriminalamt einen Verdächtigen: Der 21-jährige Abdul B. war nach Angaben des Bundesinnenministeriums in der Vergangenheit durch ein »hohes Maß an Straftaten« aufgefallen. Laut der Berliner Generalstaatsanwaltschaft soll er 2025 versucht haben, sich im Ausland der Terrormiliz »Islamischer Staat« anzuschließen. 2025 wurde er demnach im Libanon zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, im Mai in Deutschland dann zu der Bewährungsstrafe.
In Berlin-Mitte stand neben der Suche nach dem Tatverdächtigen am Sonntag oft der gesellschaftliche Zusammenhalt im Mittelpunkt. Ob bei einem Gedenken am Brandenburger Tor oder einer Andacht in der Marienkirche, überall lautete die Botschaft: Wir lassen uns nicht unterkriegen.
»Diese Taten haben nur einen Zweck: Sie wollen unsere Gesellschaft spalten, sie wollen uns das Wichtigste nehmen, was wir haben, nämlich unsere Offenheit und unsere Freiheit«, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kurz vor dem Gedenkgottesdienst in Berlin. »Ich möchte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSD hier in Berlin und in ganz Deutschland zurufen: Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern.« Merz besuchte nach der Andacht den Tatort und legte dort mit weiteren Spitzenpolitikern weiße Blumen nieder.
Erinnerungen an Anschlag auf den Weihnachtsmarkt
»Gestern war ein Angriff auf uns alle, auf alle unsere Eventitäten, auf unsere Existenzen, auf unsere Gemeinschaft und unsere Demokratie. Und wir lassen uns davon nicht unterkriegen«, hieß es in einem der Redebeiträge auf einer Bühne am Brandenburger Tor. Menschen legten auch dort Blumen nieder, zündeten Kerzen an und lagen sich in den Armen, andere hielten Regenbogenflaggen und Plakate und Banner hoch, darauf stand etwa »Hass ist tödlich« oder »Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf uns alle«.
Am Tatort standen auch am Sonntag immer wieder Menschen aufgewühlt an den rot-weißen Flatterbändern der Absperrung. Vielen kamen die Tränen, während sie sprachen. Auf einem großen Plakat auf dem Boden schrieben Menschen mit Stiften ihre Gefühle auf.
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Ein Radfahrer hielt und schaute zu dem Ort zwischen den Bäumen, an dem das demolierte Auto stand. »Bitte nicht ansprechen«, sagte er. Auch er hatte sofort Tränen in den Augen. »Da spürt man wieder den ganzen Hass der islamistischen Welt auf den Westen.« Ein anderer Mann sagte: »Plötzlich ist das wieder ganz nah.« Er meinte die Erinnerung an den islamistischen Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt vor fast zehn Jahren.
Ein weiterer Passant sagte, das Schlimme sei, dass die AfD jetzt wieder dazugewinne. Eine Berlinerin, die nicht weit entfernt wohnt, sprach nur von »Wut«. »Und das wird nicht das letzte Mal sein, leider«, fügte sie hinzu.
Der Vorsitzende eines queeren Chores sagte: »Jetzt erst recht. Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Sonst erreichen diese Menschen ihr Ziel. Wir dürfen uns nicht den Mut nehmen lassen.«