Berlin am Samstag: Hundertausende feiern in Deutschlands Hauptstadt den Christopher-Street-Day. Es ist ein Tag, an dem Lesben, Schwule und andere sexuelle Minderheiten für Sichtbarkeit und Gleichberechtigung demonstrieren, der aber auch stets eine große Party ist.
Doch kurz nach 22 Uhr wurde das friedliche Fest plötzlich abgebrochen: Ein Auto war am Rande der Großveranstaltung mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschenmenge gerast. Eine Frau wurde getötet, fast 30 Menschen wurden verletzt - mehrere von ihnen lebensbedrohlich.
Mutmaßlicher Tatverdächtiger ist identifiziert
Nach Angaben der Polizei hatte der Attentäter im Tiergarten in der Nähe des Brandenburger Tors einen weißen Kastenwagen auf mehrere Menschen zugesteuert. Zahlreiche Personen wurden erfasst bevor der Wagen einen Baum in der großen Parkanlage rammte. Anschließend floh der Fahrer zu Fuß.
"Wir fahnden mit Hochdruck nach tatverdächtigen Personen", sagte Polizeisprecher Florian Nath. In der Nacht teilte die Polizei mit, sie habe einen mutmaßlichen Tatverdächtigen identifiziert. Generalstaatsanwaltschaft und Landeskriminalamt Berlin ermitteln "aufgrund des Verdachts eines Anschlags".
Sprecher Nath: "Der Mann ist polizeibekannt und wird der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet." Nach dem 21-Jährigen wird nun gefahndet. Es habe zuvor aber keine Hinweise auf einen solchen Vorfall gegeben, so die Berliner Polizei.
Bundesinnenminister Dobrindt meldet sich zu Wort
Laut "Bild"-Zeitung ist der gesuchte Abdul B. ein deutscher Staatsbürger libanesischer Herkunft. Er sei wegen schwerer Körperverletzung und räuberischer Erpressung polizeibekannt und erst im Mai aus der Jugendhaft entlassen worden.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) stufte die Bluttat beim Christopher Street Day in Berlin als "islamistischen Terroranschlag" ein. Auf eine derartige Motivation des Tatverdächtigen deute "alles" hin, sagte Dobrindt. Er sprach von einem "hohen Maß von Straftaten" und einer "islamistischen Radikalisierung" des 21-Jährigen, nach dem intensiv gefahndet wird. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte an, die Bundesanwaltschaft übernehme die Ermittlungen zu dem mutmaßlich islamistischen Terroranschlag.
Vieles noch ungeklärt
Die Polizei prüft, ob es nach der Fahrt eine "zweite Tatphase" gab, bei der Menschen mit einer Stichwaffe verletzt wurden. Zeugen hätten von am Boden liegenden Opfern mit Stichverletzungen berichtet, sagte Nath.
Der genaue Ablauf des Geschehens und die Hintergründe der Tat einschließlich des Motivs sind bislang unklar. Offen ist auch, ob es sich um einen Einzeltäter handelt oder ob es Komplizen gibt und ob aktuell noch von einer konkreten Gefahr auszugehen ist. Laut der Polizei machten Zeugen unterschiedliche Aussagen dazu, ob es ein oder mehrere Täter gibt.
Noch ist unklar, ob der Verdächtige wirklich das Fahrzeug steuerte und wem der weiße Kastenwagen gehört. Klar sei aber, dass es sich um ein Privatfahrzeug handele, nicht um einen Mietwagen, so Polizeisprecher Nath.
Alle Feierlichkeiten gestrichen
Die Veranstalter brachen den CSD nach dem Vorfall ab: "Bitte geht nach Hause", schrieben sie auf ihrem Social-Media-Kanal. Alle weiteren Feierlichkeiten seien abgesagt. Die Berliner Polizei rief dazu auf, den Bereich rund um den Tatort zu meiden und weiträumig zu umfahren.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sprach von einem "Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft". Bundeskanzler Friedrich Merz verurteilte das Geschehen als eine "abscheuliche Tat". Ähnlich äußerte sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Die jährlich organisierten CSD-Kundgebungen erinnern an den 28. Juni 1969, als die Polizei die Schwulenbar "Stonewall Inn" in New York stürmte. Es folgten tagelange Zusammenstöße mit Aktivsten, die als Geburtsstunde der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung gelten.
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AR/ack/haz (dpa, afp, rtr)